Gedanken zu Person und Werk

Vom barocken Charakter seiner fränkischen Heimatstadt Bamberg wurde Michael Cleff geprägt, die Tradition einer Künstlerfamilie in der dritten Generation hat ihn geformt und in der Malerei fand er die Berufung, den Phantasien Raum zu geben, seine Kreativität im Bild zu messen.

Es bedarf natürlich der intensiven Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten, um das Werk Cleffs innerhalb der Stilrichtungen der Gegenwartskunst richtig einzuordnen. Besonders in jüngster Zeit haben seine Gemälde eine Art Verselbständigung erfahren, die es erleichtert, das Gesamtoeuvre schlüssig zu bewerten. Hierin löste sich Cleff mehr und mehr vom rein expressionistischen Duktus, fand dessen Bildwelt sich dadurch fast automatisch in modernen Strömungen der heutigen Avantgarde wieder.

Aus der kreativen Reife des Porträtmalers, innerhalb der Michael Cleff seine ganze virtuose Begabung entfaltet, um den Menschen als Individuum - bar jeder pompösen Drapierung - in schlichter, psychologisch ausdrucksvoller Manier im Bild zu realisieren, wurde die neue Dimension eines Schaffensprozesses geboren, die im zeitgenössischen Kontext bei der Gestischen Malerei anzusiedeln ist.

Hier gibt es durchaus eine Vielzahl von Berührungspunkten mit Werken von Georg Baselitz, Jörg Immendorff oder denjenigen bedeutender Amerikaner wie Julian Schnabel, David Salle und Eric Fischl, die gerade in der Pop-Art-Nachfolge heute in New York den Ton angeben.

Michael Cleff, der im besonderen durch seine Porträtmalerei aufgefallen ist, der in diesem Genre als Könner zu glänzen versteht, hielt so bedeutende Persönlichkeiten wie den Kaiserenkel Otto von Habsburg im Bild fest; ihm stand Hans-Dietrich Genscher Modell, er konnte Helmut Qualtinger, der zum Urgestein der österreichischen Charakterschauspielkunst zählte, so eindrucksvoll auf die Leinwand bannen, daß der raumfüllende Mime in seiner Lebendigkeit, der ihm eigenen Physiognomie und Haltung fast aus dem Rahmen zu treten scheint.

Doch die traditionelle Porträtmalerei als alleinige Perspektive genügt Cleff längst nicht mehr. Er befindet sich auf dem künstlerischen Weg, sein Werk durch die Einbringung von gestischen Elementen in der Gegenwartskunst zu verankern, um sich als wichtiger zeitgenössischer Maler einen Namen zu machen.

Nach der einschneidenden Phase der totalen Abstraktion, die sich in ihrer abschließenden Ausdrucksform durch reine Schütt-, Fließ- und Tropfbilder zu erschöpfen drohte, fast eine Automatisierung erfuhr, erfolgte die Rückbesinnung hin zur Neuen Figuration, stand die Renaissance des Realismus im Vordergrund der Betrachtungsweise zeitgenössischer Kunstschaffender, wenn auch unter anderen Prämissen.

In diesem Spannungsfeld des Umbruchs wurde Michael Cleffs Arbeitsweise, so banal das klingen mag, von den modernen Strömungen der zeitgenössischen Kunst erfaßt und vereinnahmt, steht sein Werk - im Kontext mit der Gegenwartskunst - nunmehr durchaus auf der avantgardistischen Seite, mutierte der einstmals expressionistische Realist zum modernen Stilisten.

In Cleffs Oeuvre bewahrheitet sich, daß Qualität auch in der Malerei für sich selbst spricht, daß Künstler, ohne sich anzubiedern, allein durch Können und Konsequenz ihren Weg machen.

Zwar steht noch immer die Experimeritierfreudigkeit bei Cleff im Mittelpunkt des Schaffensprozesses, läßt er sich fast täglich von den

unterschiedlichsten Einflüssen inspirieren, versucht er auf der Basis des bisher Entwickelten innovative Wege einzuschlagen, den Blick des Betrachters mit vielfältigen künstlerischen Experimenten zu konfrontieren, verfremdet er die Wirklichkeit mit den Mitteln der Gestischen Malerei, um ihr einen neuen lebendigen Ausdruck zu verleihen. Was dabei die Bilder so offenkundig verändert, ist bei genauer Begutachtung nichts anderes als ein Spiegel, dessen Reflexion die Gegenstände geraderückt - ohne Vergänglichkeitserklärung und Zukunftskosmetik, durch einen gestischen Schleier der geheimnisvollen Verklärtheit, der sich immer wieder - wenn auch nur ausschnittweise - für den Zuschauer öffnet.

In dieser Darstellungsform fühlt sich Michael Cleff dem Konzept der Spurensuche nach dem originären Bild verpflichtet, ist sein Stil insofern modern, ja beinahe avantgardistisch.

Dabei bringt er sich selbst als Person in einer Art Performance in die Kunst ein, zeigt sich der heute 48jährige in Ausstrahlung, Attitüde und Ausdruck fast als ein Spiegelbild seines eigenen Schaffens, kann man die von ihm gewählte Präsentation der Bildwelt kaum noch von der Persönlichkeit Cleffs trennen.

Gerade in seinen neuesten gestischen Gemälden tauchen wir immer häufiger ein in eine uns scheinbar fremde Sphäre, die sich nur schwer entschlüsseln läßt, erkennen wir die Unwirklichkeit sich auflösender Konturen, wie wir sie früher von ihm nicht gewohnt waren, versucht sich Cleff dem Betrachter bewußt zu entziehen. Dieser Entzug ist zweifach - er betrifft einerseits die Arbeit, andererseits die Person des Künstlers und birgt ein besonderes philosophisches Gedankengut - "Ein Rätsel will ich Euch auf ewig bleiben!" - in sich, um schlußendlich in dem Erforschen der spirituellen, der psychologischen Seite zu münden.

Durch die massenhafte Verbreitung der exakten Abbildung, die Photographie, entstand bei vielen Kunstschaffenden eine Flucht ins Abgründige, schwer Erfaßbare, um auf diesem Wege eine autonome Bildwelt zu erschaffen, die von jenen multiplen Produkten nicht erfaßt werden kann und damit Anspruch auf Authentizität und Originalität besitzt.

Michael Cleff hat diese wegweisende Richtung konsequent eingeschlagen und beibehalten. Er, der Unermüdliche, ließ sich in seiner Vorstellung vom künstlerischen Anspruch nicht durch die Gesellschaft vereinnahmen.

Diese Haltung gibt ein Stück Glaubwürdigkeit der Gegenwartskunst zurück, die immer wieder von Kritikern ob ihrer angeblichen Banalität und Oberflächlichkeit in Zweifel gezogen wird.

Cleffs farbenfrohe lebendige Gemälde stellen sich dem Betrachter nicht nur als hochästhetische visuelle Wiedergaben seiner persönlichen Empfindungen, Phantasien und Visionen dar, sie verkörpern auch ein Kapitel der Zeitgeschichte in einem Künstlerleben, das sich stetig auf der Suche nach dem gültigen Ausdruck befindet, ohne die eigene Stilrichtung in Frage zu stellen.

Er, der Engagierte, hat uns viel zu sagen, ist unermüdlich dabei, seine künstlerischen Botschaft zu verbreiten.

Prof. Franz Schilke, München
(Kunsthistoriker - Autor - Herausgeber des Ärztemagazins MEDIZIN + KUNST -Verfasser zahlreicher Buchwerke und Publikationen)

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